LW über...

14 Dezember 2019

Wein in den Social Media

Wir hätten es wissen können. Schon um 1970 entwarfen Künstler wie Paul Ryan techno-utopische Zukunftswelten, in denen Individuen sich zu „communities“ vereinen würden, verbunden durch und eingebettet in „Technologie“ - Welten, in denen die schleimig-träge, vergeßlich-müde menschliche Existenz durch künstliche Intelligenz vervollkommnet wird. Und wenn es schon keine biologische Unsterblichkeit geben mag, die technologische ist wahrgeworden, auch wenn es nur diejenige der eigenen digitalen Blutspur ist.

Die Utopie von 1970 wurde zur Dystopie 2019. Über Technologien verklammerte Individuen vernetzen sich nicht über gemeinsame Werte, sondern über bloße Interessen miteinander - kleinster gemeinsamer Nenner des Konstrukts namens Gesellschaft. Die Klammer stellen elektronische „Medien“ dar, gerne auch als „sozial“ euphemisiert. Betrachtet man das Schlagwort social media aus soziologischer Sicht, schlägt uns Absurdität entgegen: Kommunikation über Medien - der Widerspruch in sich selbst, darauf allerdings wies Niklas Luhmann schon vor Jahrzehnten hin. Auch der Appendix „social“ könnte falscher nicht sein, tauschen die Teilnehmer sozialer Netzwerke Informationen und Meinungen nicht etwa aus, sondern sie teilen sie aus und schlucken sie - vergleichbar dem Gänsestopfen. Dem Austeilen ungemein förderlich ist die Anonymität der Teilnehmer, genauer: ihre Befreiung von allem Anstand, früher einmal ein Pfeiler des Sozialen.

Die Wein-Community innerhalb der social media ist selbstredend ungleich zivilisierter als all jene Schmalspurphilosophen, Erotik-Clowns und Polit-Eiferer, die sich in hinterhältiger Aggressivität (E. Snowden) auf zum Beispiel „X“ tummeln und oft auch spritziger als die Teilnehmer der schläfrigen Online-Foren zum Thema. Nur ist das Vergnügen, über fremden Genuß kalifornischer oder apulischer oder überhaupt irgendwelcher Weine zu lesen, leider minimal - ganz zu schweigen vom bereits aus technischen Gründen begrenzten Informationsgehalt (davon wußte Ryan übrigens nichts). Der Genuß sozial akzeptierter Drogen ist bis zu einem gewissen Grad der Sucht eine zutiefst soziale Beschäftigung: ohne das mitspielende Gegenüber bleibt das Erlebnis dürr, allenfalls akademisch.

Wir hatten uns entschlossen, unser damaliges „Twitter“-Konto zu schließen, was gar nicht so einfach war, und verbringen die gewonnene Lebenszeit mit wirklichen Menschen,vorzugsweise auf einem echten Weingut. Wir sehen uns!

23 August 2018

Rock-Weine

Es ist eine Weile vergangen, seit wir uns mit sogennanten Rock-Weinen beschäftigten, Ergebnisse der (Mes-)alliance einer von der Digitalisierung strangulierten Musikindustrie mit der in Überproduktion ertrinkenden Weinindustrie. In unserem Feature zeichnen wir die Geschichte des Rock-Weins nach und gehen seinem Scheitern auf den Grund.

Zum Feature Rock-Weine.

12 Juni 2018

Einsteigerweine

Der Einsteigerwein ist nicht die Kopfschmerzvariante auf der Weinliste, kein Masselieferant für den Stoff auf dem Weihnachtsmarkt. Er soll gefällig sein, um gut zu schmecken, auch wenn man noch nicht genau weiß, warum, und gut zugänglich, damit man dem eigenen Geschmack irgendwann auf die Schliche kommt. Damit muß er einfach strukturiert sein, um verstanden zu werden, dabei interessant genug, um Neugierde auf mehr zu wecken. Schön und gut. Aber was jetzt tun?

Zum Feature Einsteigerweine.

06 April 2018

Schaumwein - der prickelnde Genuß

Von Daniela Pabst

Der Legende nach war es ein Mönch in der französischen Champagne, der den ersten Schaumwein entwickelte. Heute gibt es neben dem bekannten Champagner eine Vielzahl von Schaumweinen, die besondere Anlässe festlich abrunden und Rendezvous noch prickelnder machen. Diese Schaumweine unterscheiden sich aber nicht nur in der Herkunft und der Bezeichnung, sondern auch im Herstellungsverfahren.

Bei den prickelnden kleinen Bläschen, die dem Schaumwein den besonderen Charakter verleihen, handelt es sich um Kohlensäure, die durch natürliche Gärung entsteht. Der Gärungsprozess verläuft aber nicht bei allen Schaumweinen gleich. Die traditionelle Champagner-Methode setzt auf reine Flaschengärung, bei der der Wein während des gesamten Gärungsprozesses in derselben Flasche verbleibt. Allerdings dürfen nur nach diesem Verfahren hergestellte Schaumweine aus der Champagne auch den Namen Champagner tragen. Es werden aber durchaus auch in anderen Weinregionen Schaumweine produziert, die den Champagner-Anforderungen genügen. Bei einer Variante der Flaschengärung findet zwar die Gärung in der Flasche statt, für die Trennung von der für den Gärprozess notwendigen Hefe wird der Schaumwein aber in Tanks abgefüllt. Bei preiswerteren Schaumweinen findet auch die Gärung in Großraumtanks statt. Außerdem weist das Portal weintrend.com darauf hin, dass es in der unteren Preisklasse auch Schaumweine gibt, denen die Kohlensäure künstlich zugesetzt wird.

Durch die enthaltene Kohlensäure schmecken Schaumweine grundsätzlich frischer und spritziger als herkömmliche Weine. Zudem werden sie meist trocken bis sehr trocken ausgebaut, wodurch sie sehr leicht wirken. Um eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, basieren Schaumweine in der Regel auf Cuvées, Mischungen unterschiedlicher Weinsorten. Dabei kommen selbstverständlich regionale Unterschiede zum Tragen, die den jeweiligen Schaumweinen ihren einzigartigen Geschmack verleihen. Häufig wird auch bei weißen Schaumweinen auf eine Beimischung roter Trauben gesetzt, um das Getränk geschmacklich abzurunden. Beim Champagner ist dies beispielsweise der Pinot Noir, während bei modernen italienischen Schaumweinen inzwischen auch vermehrt Chianti verwendet wird. Interessant sind aber auch sortenreine Schaumweine wie der Asti Spumante, der auf dem Muskateller basiert.

15 Dezember 2016

Handlese

Beilage zur Weihnachtspost von Sankt Annagarten: Marcel Wiedenmanns Hommage an sein Leseteam, so schön und treffend selten gelesen. Wir zitieren:

"Mit der Leseschere umzugehen erfordert besonderes Geschick. Klinge und Gegenklinge sind scharf, kurz und spitz. Das Werkzeug für die Lese ist per Definition etwas, um auszulesen, zu sortieren und schließlich im Leseeimer einzusammeln. Derjenige, der sie bedient, ist hierbei mit allen Sinnen gefordert. Das Auge ruht auf der Frucht, im Gedächtnis das Bild der optimalen Beschaffenheit. Auf die Entscheidung: „Was nimmt man, nimmt man nur teilweise, alles oder nichts" erfolgen binnen Sekunden die richtigen Schnitte. Mittlerweile ist die Handlese für Viele Luxus und nur noch den Spitzenprodukten vorbehalten.

Alltäglich ist die maschinelle Ernte, kostengünstig und schnell. Für das optimale Ergebnis ist die händische Lese im Annagarten ein „alltäglicher Luxus“. Abhängig vom späteren Weintyp und dem dazu passenden Reifezustand kann es bis zu drei Lesedurchgänge in unseren Weinbergen geben. Handgelesen steht deshalb drauf und ist auch drin. Mannschaftsgeist, Pflichtbewusstsein und schlussendlich die Freude am mit den besten Trauben gefüllten Leseeimer sind die Dinge, die unsere „Leser“ ausmachen - Danke für diese Qualitätssicherung!"

Zitat Ende.

25 März 2016

Die farce namens Spargelwein

Die Theaterfachsprache definiert farce als eine absurde Komödie, und wer fühlte sich beim Frühlingsspaziergang durch die Weinregale nicht daran erinnert. Denn es ist Spargelzeit: Höhepunkt der Vermarktung sogenannter Spargelweine, jenen sauren, blassen Wässern, die den Warenregalumschlag verderben, weil sie zu keiner Tafel passen wollen, und darum bei erster Gelegenheit abgeschlagen werden müssen.

Die farce wird jedes Frühjahr von neuem gespielt: ein Publikumserfolg. Denn was soll man schon von Menschen erwarten, die ihren Spargel in fadem Wasser totkochen - Mutti hat es ja immer so gemacht - und auch nicht wissen, wie man eine Hollandaise selbst zubereitet. Etwa, daß sie bei der Wahl des Weines plötzlich exquisiten Geschmack entwickeln?

Ursula Heinzelmann überschreibt ihren Beitrag für Fine Wine 1/2016: „Finger weg vom Spargelwein“. Dem ist zuzustimmen. Auch wir bleiben 2016 bei unserem statement von 2010: man greife zu ausdrucksstarkem fränkischem Silvaner; und bei Störrlein, Schmitts Kinder oder König wird man nicht danebengreifen. Sehr interessant die newcomer von „Wein von 3“, die mit ihrem unangepaßten Stil wie die wilde Jagd über die fränkische Seligkeit hereinbrechen. Wir ziehen diese echten, manchmal erdigen und immer hochklassigen Silvaner den etwas sanfteren Kaiserstühlern vor, sofern man jene überhaupt findet (bei Dr. Heger, Andreas Stigler, vor allem aber Kurt Sacherer suchen). Geht es um fettreiche Saucen als Spargelbegleitung, ist der Kaiserstuhl eher Adresse für klare, im Edelstahl ausgebaute Chardonnay, Traminer oder Weißburgunder. Unser Favorit ist und bleibt aber der Muskatsilvaner, neudeutsch Sauvignon blanc, von Winzern aus Bottwartal und Remstal: die einzige Traube, die das Spargelaroma noch betont.

12 Januar 2016

Rassismus und das Politische im Privaten

Privatangelegenheiten sind politisch! dekretierte die bekennende Kommunistin Ulrike Meinhof und nahm die bundesrepublikanische Gesellschaft in ideologische Geiselhaft.

Scheinbar muß jede Generation nicht nur ihre eigenen Fehler machen, sondern auch diejenigen ihrer Vorgänger wiederholen. Ein in Szenekreisen bekannter Winzer ruft jedenfalls kürzlich zum Kampf für Flüchtlinge auf und gründet das „Twitter“-Forum „WeingegenRassismus“; als Logo die Rotfrontkämpfer-Faust, eine Weinflasche schwenkend, aber vielleicht ist es auch ein Molli, wie er weiland gegen Springers Hetzpresse flog (heute heißt es Lügenpresse). So ganz klar ist die Stoßrichtung der Bewegung zwar nicht, aber in einer Zeit, wo der Begriff „Rassismus“ zur Banalität verkam, ist das auch egal.

Hören wir in dieses Forum hinein… Dort entblödet man sich nicht, den Konsum israelischer Weine zu propagieren, denn: es geht ja contra Rassismus und damit wohl irgendwie pro Israel? Zwar mögen Palästinenser das ganz anders sehen, aber Muslime trinken ohnehin keinen Wein. Jaja. In dem Moment, wo Dialektik sich im Kreis zu drehen beginnt, fliegt die Argumentation aus der Spur. Und plötzlich ist WeingegenRassismus ein Sammelplatz für Menschen, die immer und überall Rassismus wittern, weil sie sich über ihn definieren.

Wir von der LW empfinden Grauen ob der Tatsache, daß in der Geisteswelt mancher Menschen mit jeder geöffneten Flasche offenbar ein politisches Statement abzugeben ist. Genuß ist nicht länger Rückzugsgebiet, das Private wird politisch. So triumphiert die Meinhof am Ende doch noch? Oder überschätzen wir? Ist das Ganze durchsichtige Masche der Initiatoren, sich an einen Zeitgeist zu hängen? Bekanntlich machen die Gesetze des Kapitalismus auch vor aufrechten Linken nicht halt.

Was die Flüchtlingsdebatte angeht, kennen wir durchaus den ein oder anderen Winzer, der Flüchtlinge aufnahm, dafür kein "Twitter"-Forum gründen mußte und auch sonst kein Aufhebens darum machte. Vor allem ließ man seine Kunden mit dem Thema in Ruhe, und für solch eine Haltung sind wir dankbar. Ansonsten gilt: von allen, die im Weinberg so rumschwirren - Deutsche, Polen, Ghanaer, Kirschessigfliegen - fürchten wir nur letztere.

Nachtrag August 2024: Soeben kündigten wir unser Abbonnement bei Utz Graafmanns "wein.plus", der sich nicht entblödet, Wahlempfehlungen für die im September 2024 anstehenden Landtagswahlen in zwei östlichen Bundesländern abzugeben, gegen Populismus, klar, und das in Allianz mit "zivilgesellschaftlichen Organisationen", die zum Teil von der "Bundeszentrale für politische Bildung", kurz: vom Bundesinnenministerium gefördert werden. Deutschland im Herbst...