LW über...

20 September 2013

Weinevents

Wenn der Mittelpunkt zur Peripherie verkommt, wo sind wir dann? - richtig: auf einem Weinevent. Ob VDP-Verkostung, Spitzenwinzer-"Hoffest" oder irgendeine Weinparty samt "VIP"-Zelt, stets läuft das ganze gleich ab: Kenner lassen sich am Ausschanktresen bedienen, bleiben dort der Einfachheit halber stehen und tauschen Eindrücke vom letzten Skiurlaub oder anderes Trendgequatsche aus. Zuweilen wird verkostet: 1 Nase verschwindet im Glas, und mit wichtiger Miene tut man Wissenswertes kund ("Die Spätlese ist lecker"). Arro- und elegante Damen stöckeln ein-, zwei-, fünfmal vorbei, Schoßhunde und Parfümschwaden hinter sich herziehend. Kerzen schaffen Atmosphäre und verqualmen die Luft noch mehr. Weinevents sind in Wirklichkeit social events: man trifft sich mit seinesgleichen, mal woanders als dauernd im Golfclub. Sehen und gesehen werden, darum geht es. Ein Maß ist die Sportwagendichte vor der Türe: je höher, desto sinnloser die Weinveranstaltung (freilich gilt auch andersherum: Trollinger-Volksfeste nach Weinlaube-Art sind vollends niveaulose Kollektivbesäufnisse). Vom Nebentisch fliegt ein galliger Kommentar herüber: "Das ist hier wie in der Wilhelma, nur ohne Zoowärter".

Letztendlich machen solche Events unheimlich Spaß, wenn man seine Erwartungen richtig justiert. Wer Winzer und ihre Weine kennenlernen will, ist Spielverderber, stört nur. Der greife besser zum Telefon und vereinbare in Ruhe einen Termin. Aber fürs pure Amusement gibt es kaum einen besseren Spielplatz als das Weinevent. See you soon!

26 Juni 2013

Harald Juhnkes nobles Bouquet

Zur Erweiterung unseres Horizontes studieren wir hin und wieder Veröffentlichungen der verehrten Konkurrenz, auch wenn sich das gros eher mit ausländischen Weinen beschäftigt: wie beschreiben und bewerten die denn? Diesmal geraten wir an einen Versandhändler, der natürlich eine ganz andere Philosophie hat als wir. Während uns eher der Winzer interessiert und wir nicht unter Druck stehen, was verkaufen zu müssen, lautet dort das legitime Motto: sell, sell, sell! Sehen wir uns den Katalog einmal an. Eckdaten: 70 Seiten mit 155 Weinen, davon 85 Rote, 45 Weiße, 25 Rosé; hinzu kommen neun Champagner und Sekte sowie sechs Secco – garniert mit Sonderangeboten, Sonderpreisen, kostenlosen gadgets, Bestellhotline „rund um die Uhr“, passenden Gratis-Gläsern, so nützlichen accessoires wie Keramikmessern und so weiter und so fort. Endlich geht es zu den Weinen, und das Blättern wird zur Reise ins Absurde:

„…ein eleganter und beschwingter Grauburgunder…“ – erinnert uns an Harald Juhnke nach vier Flaschen Grauburgunder.

„…zum anderen hat das Chateau blabla (Ersetzung durch die Verfasser) einen exzellenten Bordeaux vorgelegt, klassisch und intensiv duftend und dabei harmonisch, elegant und sehr komplex…“ – wir wußten nicht, daß ein Bordeaux jemals nicht intensiv geduftet hätte; was klassisch duftend bedeutet, wissen wir auch nicht, und ob hohe Komplexität sich vielleicht mit Harmonie beißt, sei dahingestellt, weil der „vorgelegte“ Chateau blabla einfach alles kann.

„…ein nobles Bouquet nach Kirschen, Marzipan, milden Gewürzen, Karamell und edlem Holz strömt schon beim Einschenken entgegen…“ – den möchten wir nicht mal in die Nähe unserer Nasen lassen, geschweige denn ihn trinken. Hoffentlich waren die Edelholzfässer (Teak, Mahagoni?) wenigstens FSC-zertifiziert. Wenn jetzt noch (wir zitieren in loser Folge, sind aber immer noch beim selben noblen Bukett): zart rauchiges Finale, würzige Noten, Sandelholz, seidenfeine Tannine und so weiter hinzukommen, fehlen nur noch Kartoffelchips mit Himbeerkonfitüre.

„…er zeigt Noten von Honigmelone und Mandeln, ausbalancierte Frische und ist im Gesamteindruck sehr harmonisch...“ – allein die Poetik der ausbalancierten Frische zu definieren – das wäre mal `ne Aufgabe fürs Deutsch-Abitur!

Und schon wieder die ollen Tannine, aber diesmal: „…am Gaumen überraschen die durch sechs Monate Barrique geschmeidig gewordenen Tannine und der harmonische Schluß…“ – ein neues Wertungskriterium ist geboren: Tanninzustand a) hart, b) geschmeidig oder doch eher seidenfein?, c) egal, und harmonisch muß ein Wein auch immer sein und nicht etwa stark, kantig und eigenwillig. Wahrscheinlich taucht unter den 155 Weinen deshalb kein Württemberger auf.

Quellennachweis bei LW.

28 Februar 2013

Plädoyer für den Korken

Im Altertum waren Verschlüsse für die Amphoren, in denen Wein gelagert und transportiert werden sollte, pragmatisch und funktional - gleich ob verschlossen mit Olivenöl, Bienenwachs oder Baumharz (tranken Sie schon einmal Retsina?). Heute sind Kronkorken eine billige Möglichkeit vorzugsweise für Billigsekte und aus ästhetischer Sicht eher etwas für Cidre, außerdem rosten sie. Silikonkorken sind elastisch, luftdicht und ebenfalls billig, beeinflussen den Wein aber durch Diffusion von Klebstoffen und Lösungsmitteln, schrumpfen mit der Zeit und sind deshalb nur etwas für schnell konsumierten "Zechwein". Glasstopfen haben den Nachteil, daß Glaskörper und Kunststoffdichtung enge Toleranzen aufweisen müssen, damit die Flasche auch wirklich dicht ist (das scheint vor allem bei frühen Chargen ein Problem gewesen zu sein). Dann aber werden sie sehr teuer, und das mag der Grund dafür sein, daß wir in den 2020er Jahren kaum noch Glasstopfen finden. Da kommt das an Komfort nicht zu überbietende tin-roof, der gute alte Schraubverschluss, gerade recht: hygienisch, billig, zuverlässig - obwohl es auch hier Passungsprobleme gibt und der Dichtungsbereich von ungefähr zwei Millimetern extrem knapp bemessen ist. All diese Alternativen zum Naturkork haben einen für hochwertige Weine und Sekte entscheidenden Nachteil: sie sind theoretisch luftdicht und - wenn Produzent und Kunden Glück haben - geschmacksneutral. Wie bitte?

Testreihen mit solchen Verschlüssen ergaben durchaus Lagerfähigkeit der Weine, allerdings ohne jene sensorische Veränderung, die man als Reifung bezeichnet (die ist bei Weinen, deren reduktiver Charakter bewahrt werden soll, zum Beispiel neuseeländische Sauvignon blancs, nicht erwünscht, weswegen man dafür lieber tin roof verwendet). Der echte Korkverschluß (wir sprechen nicht von Preßkork) sorgt während der Lagerung für eine extrem langsam verlaufende Oxidierung. Die nimmt hochwertigem Wein Schärfe und Bitternis der Gerbstoffe und verleiht Dichte und Tiefe. Und der jahrelang vom Wein durchtränkte Korken entläßt scharf- oder bittersüße und toastige Geschmackskomponenten in den Wein. Daß Korkeichenwälder außerdem ihren ökologischen Nutzen haben, nehmen wir gerne mit. Natürlich: die verläßliche, weil kalkulierbare und stetige Geschmacksveränderung können Korkverschlüsse nicht garantieren; nach einigen Jahren wird der Inhalt jeder Flasche anders schmecken. Und moderne Produkte? Das Hightech-Produkt "Diam" aus Korkgranulat und Bindemitteln soll Vorteile des Naturkorkens wie Luftdurchlässigkeit und Elastizität mit der Hygiene technischer Verschlüsse verbinden. Puristen lehnen jedoch auch "Diam" wegen enthaltener Klebstoffe ab und das, wie eine 2015 durchgeführter Untersuchung zeigte, wohl nicht zu Unrecht. Als Lösung wird seit einigen Jahren "Normacorc" aus schaumartigem Kunststoff gepriesen.

14 August 2012

Etikettenschwindel

Man stelle sich vor: a) nette Gäste eingeladen, b) gutes Essen geplant, c) Wein muß her, d) wenig Ahnung davon, weil man LW nicht kennt. a) bis c) seien gegeben, gesucht ist die Lösung der Variablen d). Im Fachhandel umgeben von Flaschen und Kartons scheut man sich, das Personal (sofern überhaupt eines verfügbar ist) um Rat zu fragen. Selbst ist der Kenner, eine Entscheidung muß jetzt her, und da ist das Flaschenetikett der Ratgeber, Wegweiser, Appetitmacher, in der Fachsprache: teaser (engl.: to tease - reizen, locken, verlocken). Vor allem in der deutschen Abteilung warten anstatt Verlockungen jedoch visuelle Qualen auf uns: manche Etiketten sind schlicht bis nahezu leer, andere dagegen vollgepackt mit Informationsmüll á la "ideal zu Spargel", von Sulfiten oder Sulfiden - je nach chemischen Kenntnissen des Schriftsetzers - ist die Rede. Graphisch sind sie überwiegend eine Beleidigung des guten Geschmacks. Als LW-Leser kennen Sie einige der von uns kommentierten Weine. Erraten Sie, welche (sehr guten) Weingüter sich hier verbergen:

Blässliche Gestaltung in weißlich und bläulich mit einem auf den ersten und zweiten Blick an einen Urinfleck erinnernden Aquarell. Interessante Analogie für einen Wein. Irritierend, nichtssagend, trüb und betrüblich.

Mehrere gefühlte Quadratmeter leeres, cremefarbenes Papier, auf dem das Auge suchend auf und ab schweift. Aus unmittelbarer Nähe ist eine Prägung zu vermuten. Wir haben weder Lupe noch Zeit, also weiter.

Graue Bleiwüste, inspirierend wie ein Sonntag nachmittag im Spätnovember gegen sechzehn Uhr dreißig. Verschämte Schriftzüge, die uns zuzuflüstern scheinen: "Bitte kaufe mich nicht". Aber wir sind längst an der Flasche vorbeigeeilt.

Zum purpurnen Mandala fehlen nur noch Räucherstäbchen. Hier greifen Menschen zu, die ihre Wohnung mit Batiktüchern und Duftkerzen dekorieren und noch immer das "WHY?"-Poster hängen haben. Gestalterisch gelungen. Passt zu Hanf-, Verzeihung: Haferkeksen und Gesundheitstee.

Durch den Schriftzug in Times New Roman auf Chamois zieht sich das hellblaue Band des Vertrauens: Ihr Fleischermeister hat frisch geschlachtet. Nicht nur für Vegetarier zum Davonlaufen.

Der Wein, mit dem sich der Inhaber des Bestattungsinstitutes für den erfolgreichen Geschäftsabschluß bedankt. Auch zum Leichenschmaus gut vorstellbar, schließlich heißt er in Schlesien ja “Leidvertrinken”. Leider fließen die Abschiedstränen bei jedem Blick aufs Etikett von Neuem.

Unsere Aufmerksamkeit ist mittlerweile von den klaren, selbstbewußten Statements südeuropäischer und österreichischer Flaschenetiketten sowie den ganz bemerkenswerten Schweizern gefangen. Frankreich spielt dank gekonntem Umgang mit reicher Historie ohnehin in einer anderen Liga. Mit der eisernen Regel des Konsumentenmarketing: attention - interest - desire - action, kurz: AIDA scheint das gros deutscher Genossenschaften und Winzer immer noch Kreuzfahrtromantik zu verbinden. Wer aber meint, auf den Inhalt komme es an, nicht auf die Verpackung, tut den zweiten Schritt vor dem ersten.

Nachtrag: mittlerweile ist man auch hierzulande aufgewacht. Vor allem "Junge Wilde", welch blöder Ausdruck, übertreffen sich in der Kreierung ausgefallener Ideen, und zwar so sehr, daß sich langsam irgendwie alle gleichen. Politclowns bringen ihre "Nazis raus"-message auf die Flasche, ältliche Junggebliebene entdecken die Vokabel "geil" und schmieren angestrengt wirkenden Spaß aufs Papier, denn von abstrakter Kunst versteht Jeder was. Wo sind die Zeiten geblieben, als der Weinberg abgebildet war, dazu Lage und Jahrgang, und gut wars. Schloß Johannisberg, wir danken Dir!

03 Oktober 2011

Der Fluch des Goldes

Wir zitieren aus der Badischen Zeitung vom 30. September 2011: "DLG-Bundesweinprämierung 2011 - Erfolgsbilanz für badische Weinerzeuger [...] In drei Prüfrunden hatten die Juroren bei der laut DLG führenden Qualitätsprüfung für deutsche Weinerzeuger rund 4700 Weine und Sekte von rund 350 teilnehmenden Winzerbetrieben aus allen 13 deutschen Anbauregionen getestet. 3817 Preise wurden vergeben: 62 mal "Gold extra", 1107 mal Gold, 1710 mal Silber und 938 mal Bronze [...]". Zitat Ende.

Bei den Olympischen Spielen gewännen so von 70 Sprintern nicht die ersten drei, sondern die ersten 62. Die - im wahrsten Sinne des Wortes - Krönung ist aber: die in diesem Wettbewerb wirklich Ersten bekommen "Gold Extra". Mit dem extra Gold - woanders heißt der Unfug "Gold-Plus" usw. - schafft sich der Veranstalter mehr Spielraum nach unten, damit auch fast jeder Teilnehmer seine Flaschen mit Aufklebern schmücken darf (Fachausdruck: Lametta) und nächstes Jahr samt Teilnahmegebühr sowie: Anzeigenschaltung in Weinmagazinen wiederkommt. Denn besonders diese Magazine und ihre Verlage stehen vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Damit ist für den Kunden aber jedwede Prämierung als Hilfe beim Kaufentscheid wertlos. Es ist zu vermuten, daß, wer sich auf Prämierungen verläßt, bestenfalls Mittelmaß trinkt. Spitzenwinzer verzichten auf Prämierungen ohnehin gerne: was haben sie dort auch verloren, außer die Prämierungsinflation auf die Spitze zu treiben. Bereits 1971 ätzte "DER SPIEGEL" in einem Artikel: "...von 1188 Weinen errangen 1181 Bronze-, Silber- oder Goldmedaillen - nur sieben entrannen der Auszeichnung". Und 1989 zog Peter Espe in seinem Buch "Tips für den Weinkauf" das Fazit: "Auszeichnungen: Verbeugung vor dem Massengeschmack". Manfred Klimek schreibt in einem Blogbeitrag vom Sommer 2021 von korrupten Beziehungen zwischen Veranstaltern und Teilnehmern, dies zwar in Österreich, aber wollen wir das für Bundesdeutschland wirklich von uns weisen?

12 September 2011

Karaffieren

Kaum ist der Wein am Tisch, wird er vom Weinkellner, pardon: Sommelier, drunter tuts ja keiner mehr, auch schon umgefüllt, weil er ja "atmen" muß, der Wein. Dabei macht Karaffieren - über den Unterschied zum Dekantieren schreiben wir vielleicht ein andermal - unter Umständen sogar Sinn: schweflige Fehltöne infolge allzu reduktiven Ausbaus können bei Jungweinen durch das Lüften verschwinden. Verschlossene, unspezifische Weine erscheinen in ihrer Struktur transparenter; Aromen entfalten sich und werden erkennbar, Tannine scheinen abgerundet und mild, dies selbst dann, wenn der Wein selbst die Klasse gar nicht hat, und das gefällt dem Sommelier natürlich. Dieser Effekt kann Stunden oder nur Minuten anhalten, denn irgendwann - hin und wieder überraschend schnell - kippt das Aroma ins Ungenießbare: Weißwein ermüdet, wird schal. Seine klar definierte Struktur verläuft, die Aromatik reduziert sich auf bräunliche Überreife und aufdringlichen Sherry. Rotwein verliert Vielfalt und Spannung, seine herbe Süße geht in Herbstlaub und bittersaurem Schwarztee unter. Auch das optische Vergnügen vergeht in trübe Bräune.

Bei unbekannten und sehr alten Weinen sehen wir vom Karaffieren ab oder tun es zumindest nicht mit der ganzen Flasche. Es kann den Wein in Sekundenschnelle der Aromen berauben oder es spiegelt Eigenschaften vor, die der Wein gar nicht aufweist.

03 April 2011

Der Trollinger

Sein Imageproblem hat klare Ursachen in miserabler Verbands- und Genossenschaftsarbeit und ist dennoch in einer Zeit, in der "autochthone" oder wenigstens landestypische Rebsorten en vogue sind, völlig unverständlich. In Weinblogs gilt es als schick, die Traube niederzumachen; man outet sich dann als "Kenner". Und selbst manche Württemberger Winzer wissen nicht mit der Sorte umzugehen, sonst faselten sie nicht vom Wein für "Pasta bis Pizza". Wie bei jeder Massensorte muß man an die richtigen Winzer geraten, um zu erfahren, was in diesen Weinen drinstecken kann. Wählen Sie im Holz ausgebaute trockene Weine hervorragender Erzeuger aus dem mittleren Neckarraum. Dann ist der Trollinger von eingekochten Erdbeeren und roten Johannisbeeren bestimmt, von milder Süße, wirkt saftig und cremig mit feinem Bittermandelton, entwickelt oft Tiefe und Kraft und stellt einen hervorragenden Alltagswein dar. Bleiben Sie bei der rezenten schwäbischen Küche, damit die Würze der Speisen den etwas ausdrucksschwachen Wein ergänzt. Halbtrockene Varianten eignen sich zur filigranen Küche, als Dessertbegleiter und besonders als Alleinunterhalter.